Produktion des Raumes und das Recht auf Stadt

Autor: Otto Kovarik | 21.11.2014 o 18:13 | (upravené 21.11.2014 o 18:21) Karma článku: 0,00 | Prečítané:  71x

Eine der größten Erkenntnisse in der Soziologie der letzten Jahrzehnte ist die Tatsache, dass auch der Raum durch die Produktion entsteht. Der Raum entwickelte sich im Gang der Geschichte und hängt mit den politisch-ökonomischen Gegebenheiten der Gesellschaft eng zusammen. „Jede Produktionsweise impliziert die Produktion eines charakteristischen Raums,“ schreibt Lefèbvre (Lefèbvre, S. 14). Die Entwicklungsstufen erfassen nach seiner Ansicht den:

  • analogen Raum (der Raum der Stammesgemeinschaft)
  • kosmischen Raum (der Raum der antiken Welt)
  • symbolischen Raum (der Raum des Mittelalters)
  • perspektivischen Raum (der Übergangsraum in der Renaissance)
  • und den kapitalistischen Raum (der Raum der Logik und Zerfalls in der Gegenwart)

Den größten Kummer bereitet Lefèbvre der gegenwertige kapitalistische Raum in dem er gelebt hat. Er unterbreitet scharfsinnige Kritik des Raumes. „Dieser Raum ist (…) zersplittert, weil er durch Grundstücke oder Parzellen gebildet wird. Und er wird Grundstück für Grundstück oder Parzelle für Parzelle verkauft, er wird also fortwährend zersplittert und fragmentiert, mehr noch: pulverisiert. (…) Dass er gleichzeitig homogen und zersplittert sein soll, schien zunächst paradox, dieser Raum ist jedoch ein logischer Raum, wenn auch die Logik des Ganzen dadurch negiert wird, dass sich die Details im Zustand der Fragmentierung befinden“ (Lefèbvre, S. 14).

Als die nächste Etappe in der Entwicklung des Raumes sieht er die Chance im Sozialismus und im Raum den er produziert - dem sozialistischen Raum: „Wir stehen hier vor dem größten oder einem der größten Probleme, die der Sozialismus zu lösen hat. (...) Die sozialistische Produktionsweise muss ihren eigenen Raum produzieren, der nicht mehr kapitalistischer Raum sein kann“ (Lefèbvre, S. 18). Und weiter: „Es ist erforderlich, was die Produktion eines zukünftigen Raums betrifft, den Raum einer zukünftigen sozialistischen Gesellschaft zu betrachten, den wir uns heute bereits vorstellen bzw. den wir erdenken müssen“ (Lefèbvre, S. 20).

Wir werden zu dieser These später zurückkommen und Stellung dazu nehmen, zuerst aber noch ein paar Worte über einen anderen Begriff – Recht auf Stadt.

Recht auf Stadt

Mit Henri Lefèbvre verbindet sich auch das politische Konzept Recht auf Stadt. Er entwarf das Prinzip als Recht auf ein erneuertes urbanes Leben. Damit reagierte er auf die sozialen Probleme, die durch den Massenwohnungsbau entstanden sind. Lefèbvre beklagte die zahlreichen Qualitätseinbußen. Die einstige Stadt als Ort der kreativen Schöpfung, wurde zunehmend dem Tauschwert und der industriellen Verwertungslogik unterworfen. Zugleich identifizierte er aber auch ein enormes positives Potenzial, das im Rahmen einer urbanen Revolution zur Herausbildung einer emanzipierten urbanen Gesellschaft führen könnte. Somit ist das Recht auf Stadt ein Recht für einen kollektiv gestalteten und genutzten städtischen Raum.

David Harvey arbeitet mit dem Konzept Recht auf Stadt weiter. In seinem Buch Rebellische Städte zitiert er den Soziologen David Park, dass „die Stadt sei die konsequenteste und insgesamt erfolgreichste Versuch des Menschen die Welt, in der er lebt, nach eigenen Vorstellungen umzugestalten. (…) Folglich hat sich der Mensch, auf indirektem Wege und ohne deutliches Bewusstsein für die Natur seiner Aufgabe, in der Erschaffung der Stadt selbst neu erschaffen“ (Harvey, S. 3).

Daraus zieht Harvey diese Schlussfolgerung: „Das erstaunliche Tempo und Ausmaß der Urbanisierung der letzten hundert Jahre bedeutet beispielweise, dass wir bereits mehrere Male neu erschaffen wurden, ohne zu wissen weshalb und wie. Hat diese dramatische Urbanisierung einen Beitrag zum menschlichen Wohlbefinden geleistet?“ (S. 4)

Kollektivistischer Raum

Lefèbvre hat wohl einen Raum übersehen. Der Sozialismus hat schon seinen Raum erschaffen. Er wurde dadurch gekennzeichnet, dass es kein Recht auf Stadt möglich war.

In meinem Heimatland Tschechoslowakei tobte 40 Jahre der Realsozialismus. Die Bürger hatten mehr Pflichten als Freiheiten. Es konnte keine Rede sein von einem Recht auf die Stadt. „Das Recht auf Stad meint das Recht den ganzen urbanen Prozess zu kontrollieren“ (Harvey, S. 28). Das war nicht möglich. Die Stadt gehörte den Bürgern nicht. Die regierende kommunistische Nomenklatur war nicht gewählt – oder besser gesagt nicht frei gewählt – sie war unkontrollierbar und machte was sie wollte. Das Ergebnis war eine Dekonstruktion in der Konstruktion, oder wie David Harvey schreibt, eine „kreative Destruktion“ (Harvey, S. 16). Die Blockhäuser von Petržalka – dem größten Bezirk in Bratislava – hässlichen die Stadt bis heute. Und werden es noch lange.

Lefèbvre hat nie im Realsozialismus des kommunistischen Typs gelebt. Deshalb möchte ich zu seiner Aufzählung der verschieden Räume einen weiteren hinzufügen. Nennen wir ihn den kollektivistischen Raum. Es ist ein Raum der Gleichrangigkeit und des kollektiven Denkens. Die Privatsphäre war im Sozialismus nicht verboten, kollektive Tätigkeiten waren aber wünschenswert. Eine Parole der damaligen Zeit sagt: „Die Absenz zehrt die Ganzheit des Kuchens.“ Du musst da sein, sich zeigen und für die Kollektive etwas machen – baue den Schienenweg zum nächsten Dorf, brich Stein im Steinbruch für neue Brücken, hilf der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft bei der Ernte. „Es lebe die Einheit des arbeitenden Volkes!“ Und: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ Übrigens die letzte Parole haben sich die Kommunisten aus der gehassten Bibel geliehen.

Ein Merkmal des kollektivistischen Raumes ist die Monumentalität. Klein war damals nicht angesagt. Wenn eine Versammlung, dann möglichst groß. Wenn ein Ministerium, dann gigantisch. Wenn ein Nachrichtendienst, dann allgegenwertig. Wenn eine Erste Mai Manifestation, dann sollen alle kommen und den Genossen auf der Tribüne fröhlich und lächelnd mit der Hand winken.

Der kollektivistische Raum hat alle Bürger aus ihren Privathäusern und Wohnungen herausgerufen um sich irgendwo zu versammeln. Als beste physische Räume zu diesem Zweck dienten die Straßen, die Stadtplätze, Schulen, Kulturpaläste, Stadions. Es überrascht nicht, der größte Stadion der Welt in Prag gebaut wurde mit einer Länge von 310,5 m und Breite von 202,5 m. Die gesamte Fläche umfasst 62,876 m2. Auf der letzten Spartakiade im Jahr 1985 sind fast 190.000 Turner aufgetreten und die verschiedenen Choreographien sahen 1,2 Millionen Zuschauer – das alles in nur vier Tagen.

Der kollektivistische Raum war öffentlich, unermesslich und grandios. Er sollte die Illusion schaffen, dass alle Menschen des sozialistischen Staates an einem Zügel ziehen.

Es war ein bewachter Raum.

Literarisch wurde er mehrere Male präzise beschrieben. Man denke an den utopischen Roman 1984 von George Orwell. Winston Smith fand in seiner Wohnung nur einen kleinen blinden Winkel wo er in sein geheimes Tagebuch schreiben konnte ohne von Big Brother gesehen zu werden. Und in dem Roman Wir von Jewgenij Samjatin lebten die Menschen in ferner Zukunft in gläsernen Häusern um bewacht zu werden. Nur in vorgeschriebenen Stunden in der Woche konnten sie Vorhänge ziehen um Kinder zu erzeugen.

Es gibt viele Erläuterungen wie der kollektivistische Raum mit der Stadt umging. Nehmen wir als Beispiel die Reformsynagoge in Bratislava. Sie wurde von dem Architekt Deszo Milch am Ende des 19. Jahrhundert gebaut und überstand die Naziokkupation, wurde aber vom kommunistischen System zerstört. Anfang der 70er Jahre musste sie Platz schaffen für eine megalomane Brücke. Die Synagoge wurde wörtlich in die Luft gejagt und mit ihr ein großer Teil der Jüdischen Straße. Es gab keine Möglichkeit zu protestieren und ein Recht auf die Stadt durchsetzen. Jede nur so kleine Protestbewegung wurde brutal ausradiert. Die Bürger konnten ihre alte Stadt nicht von der Zerstörung bewahren.

Samtene Revolution und Veränderung des Raumes

Der kapitalistische Raum der den kollektivistischen Raum plötzlich ablöste war auch kein Gewinn. Nach 1989 kamen mit der Marktwirtschaft und Neoliberalismus mehr Freiheiten als Pflichten. Aber ein Chaos entstand. Niemand hat die kommunistischen Gesellschaften auf die Veränderung vorbereitet. Sie kam so schnell und unerwartet. Die Menschen fühlten sich im alten System wie Häftlinge auf die Lebenslänge verurteilt, haben sich darauf eingestellt und plötzlich öffnete jemand die Gefängnistür und sagte: „Kommt heraus, ihr seid frei!“

Die Bürger fingen an langsam sich um ihre Stadt mehr zu kümmern. In freien Wahlen konnten sie ihre Stimme abgeben. Die demokratische Partizipation muss jedoch gelernt werden. Deshalb ist ein Vakuum entstanden, das zuerst nicht immer die ehrlichsten Politiker und Unternehmer einnahmen.

Die Korruption tobte und es wurde gebaut und gebaut und gebaut. Großhäuser wuchsen auf Plätzen wo sie niemals wachsen sollten. Die Stadtverwaltung hatte lange keine Konzeption von dem Aufbau der Stadt. Es war nicht selten, dass der Investor ein Bau zuerst schwarz gebaut hat und dann später die nötige Genehmigung erwarb – wenn das Haus schon fast fertig stand. Viele historische Innenräume wurden ohne Genehmigung zerstört, wie das in einem mittelalterlichen Bürgerhaus in Banská Štiavnica in der Mittelslowakei.

Nach der Samten Revolution unterlagen die Menschen einer Illusion. Sie dachten – wir alle dachten – dass es von nun an demokratische Werte herrschen werden und der Bürger ein Mitsprache Recht bekommt – auf die Stadt, auf die Gemeinde, auf das Dorf. Die Euphorie über die plötzliche Wende war nach einem Jahr vorüber. Schon in Juni 1990 wurden die Preise liberalisiert, sprich erhöht, die Löhne blieben aber dieselben. Der Kapitalismus drang in die Gesellschaft immer schärfer. Fabriken wurden privatisiert, Arbeiter entlassen. Zuerst kamen die Garagen-Unternehmer in lila Anzügen, grünen Krawatten und weißen Socken, später internationale Großkonzerne.

McDonaldʾs öffnete das erste Restaurant in Bratislava 1996. Im Jahr 2000 wurde das erste Einkaufszentrum eröffnet. Heute gibt es in Bratislava 8 große Einkaufszentren mit einer Einkaufsfläche von über 30 000 m2 und hunderten von Parkplätzen. Das letzte Einkaufszentrum Bory Mall wurde im November 2014 eröffnet.

Der öffentliche Raum veränderte sich. Wie der kollektivistische Raum lockt auch der kapitalistische Raum die Menschen von ihren privaten Häusern und Wohnungen heraus. Nur nicht um zu manifestieren, sondern zu einkaufen. Sieben Tage die Woche von 9 bis 21,00 Uhr und in manchen Hypermarkets rund um die Uhr.

Der kapitalistischer Investor brachte aber nicht nur Leviʾs Jeans und Nike Air Sportschuhe, sondern in einigen Fällen auch Verwüstung. Im Jahr 2006 holzte der Investor J&T 243 Bäume an der Donau Promenade ab um Platz zu schaffen für das River Park Projekt – mit Hotel Kempinski, teuren Luxuswohnungen, Firmenresidenzen und Geschäften.

Der kapitalistische Raum veränderte nicht nur die Gesellschaft sondern auch die Menschen. Sie begannen die Stimme zu erhoben. Gleich neben dem River Park an der Donau ist der Park der Kultur und Ruhezeit (PKO). Das Gebäude ist fast 70 Jahre alt und sicher bedarf es einer Renovierung. PKO ist aber ein Warenzeichen für die Menschen in Bratislava. Viele legendäre Konzerte sind dort stattgefunden. Viele Bälle wurden dort ausgetragen. Es gibt dort Turnhallen, Kurse, bescheidene Essmöglichkeiten. Diesem Platz droht der Abriss. Der Investor findet das Grundstück interessant.

Die Menschen organisierten sich. Es wurden Proteste ausgetragen und Petitionen formuliert die von tausenden Menschen unterzeichnet worden sind. Ein ziviler Widerstand entstand. Und er wurde erfolgreich. Die Abbrucharbeiten wurden vorerst eingestellt, die Situation ist aber immer noch ernst. 

Blicke in die Zukunft

Es war bislang eines der größten Erfolge das PKO von dem Abriss zu bewahren, auch wenn das Ende ungewiss scheint. Menschen fingen an ein mehr partizipatives Engagement entfalten. Es wurden Initiativen gegründet mit dem Ziel mehr in die Zukunft der Stadt hineinzureden. Der Verschönerung Verband will die Stadt in einem alten neuen Glanz wieder sehen und die Verwüstungen aus der Vergangenheit wegzumachen. Und, was am schönsten ist, die Synagoge ist zurück. Im Sommer wird sie vorübergehend gebaut aus gehärtetem Papier und Rigips. Sie ist gebaut als eine Attraktion für Touristen, sie sollte aber auch ein Memento sein für die verlorene Stadt.

Die Bürger fordern ihre Stadt zurück. In einigen glücklichen Fällen ist ihnen das auch gelungen.

Der Blick in die Zukunft ist nicht mehr dunkel.

 

Literaturnachweis:

Lefèbvre, Henri: Die Produktion des städtischen Raumes. Ursprünglich in: Arch+, Nr. 34, 1977.

Harvey, David: Rebel Cities. From the Right to the City to the Urban Revolution. New York, London, Verso 2012.

www.wikipedia (Henri Lefèbvre, Recht auf Stadt)

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